Stirbt die Schrift aus?

Trotz der audiovisuellen Überflutung der Öffentlichkeit wird der schriftliche Ausdruck als Kommunikationsform nicht aussterben. Die Frage ist allerdings, ob sich die Schrift als Mittel der demokratischen Verständigung in der Öffentlichkeit nicht nach und nach überleben wird, ob Lesen und Schreiben allgemeine Kulturgüter bleiben oder ob sich der funktionale Analphabetismus weiter ausbreitet und die Schrift wieder – wie im Mittelalter – zum Herrschaftsinstrument einer Elite wird, neuerdings computergestützt, aber menschenvernichtend effizient wie eh und je.

(25.6.1993; 02.12.2017)

 

Nachtrag 1

Die These ist schief: «Funktionaler Analphabetismus» bedeutet ja eine Alphabetisierung, die sich wegen Nichtgebrauchs verloren hat. Niemand ist gezwungen zu verlernen, was er einmal gelernt hat. Bevor also die hoch industrialisierten Nationen durch die Computertechnologie in neue Klassen zerschnitten werden, müsste eine bildungspolitische Katastrophe eintreten, die die allgemeine Schulpflicht zerstören würde. Wahrscheinlicher ist, dass die ganze Welt von dieser elektronischen Technologie zunehmend zoniert wird und diese Zonierung als Herrschaftsinstrument der hoch industrialisierten Nationen insgesamt gegen den Rest der Welt effizient menschenvernichtend wirkt. (Wenn nun, nach dem 11. September 2001, die Gefährlichkeit des «bösesten Feinds» dieser Nationen, Osama bin Laden, gerade dadurch betont wird, dass er mittels Internet und Handy kommuniziere, so produziert diese Zeichnung vor allem den falschen Schein, dass der Zugang zu den neuen Technologien auf der ganzen Welt gleichermassen möglich sei).

Unbequem an der These von der Zonierung ist, dass sie mich ohne Umschweife der menschenvernichtenden Elite zurechnet. Aber ist es nicht so? In einer hoch industrialisierten Nation zu leben und sich einzubilden, politisch für den Rest der Welt einzustehen, kann bei Zwanzigjährigen noch als politische Naivität entschuldigt werden, später wird diese Illusion zunehmend zu politischer Dummheit oder zu Zynismus.

(13.11.2001; 02.12.2017; 06.07.2018)

 

Nachtrag 2

Den letzten Abschnitt von Nachtrag 1 muss ich noch präziser auf mich beziehen: Mit allem, was ich tue, tun könnte und noch tun werde, baue ich im Interesse der hoch industrialisierten Nationen mit an deren Alibi einer Reflexivität, die aus der Distanz späterer Mainstream-Geschichtsschreibung ihren Taten den Schein von liberaler Verantwortetheit geben wird. Mehr wird mein Anspruch, ein kritischer Publizist zu sein, nicht bewirken.

Nicht dass ich jenen, die in diesen Nationen die Macht ausüben, von vornherein jede menschgemässe Ethik absprechen möchte. Ich sage bloss: Wir leben in einem Zeitalter, in dem – obschon vieles palavert wird – einzig eine betriebswirtschaftliche, quasi tribalistische Ethik der Konzerne wirkungsmächtig ist. Die Idee der Durchsetzung einer volkswirtschaftlich verantworteten Ethik ist zweifellos eine der ehrenhaftesten Aspekte des  Bemühens um eine sozialistische Praxis – trotz des unbestreitbaren bisherigen Scheiterns.

(02.01.2009; 27.11.2017; 06.07.2018)

 

Nachtrag 3

Unterdessen ist klar, dass die Zonierung der computergestützten Herrschaft, die auf alphabetisierte Nutzende baut, anders verläuft, als ich sie mir 2001 im Nachtrag 1 vorgestellt habe. Erstens hat sich diese Herrschaft längst in allen Ländern der Welt festgesetzt, weil es bei ihr um eine industrielle Revolution und um die Weltherrschaft geht. Zweitens hat diese Herrschaft – insbesondere mit der Entwicklung der Smartphones – Anwendungen der Technologie mit Gebrauchswert für die grossen Massen entwickelt. Diese Anwendungen sind für die Herrschaftsausübung interessant, und zwar, weil sie einen kapitalintensiven weltweiten Markt generieren und die Ortung der Knechte erleichtern. Deshalb ist bereits heute der Besitz eines Smartphones überall auf der Welt möglich und nirgends mehr ein sicheres Zeichen dafür, dass man auf der mächtigen Seite der allerdings zunehmend zonierten Welt steht.

Die Werkstück-These des wachsenden funktionalen Analphabetismus durch neue Informationstechnologien ist aus heutiger Sicht falsch. Weltweit betrachtet führt vermutlich insbesondere die Smartphone-Kultur sogar zum Rückgang von funktionalem Analphabetismus und zu Alphabetisierungsfortschritten in vielen Ländern. Freier und gerechter wird die Welt deswegen nicht. So wie die Knechte im Mittealter Ohren brauchten, um die Befehlsausgabe und Weltsicht des Fürsten zu verstehen, die sein Bote überbrachte, so brauchen die Knechte zum gleichen Zweck weltweit zunehmend ihre Augen, ein Handy und die Fähigkeit zu lesen.

(27.11.+02.12.2017; 06.07.2018)

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