Guck mal: die Welt!

Schematisch betrachtet gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, die Welt wahrzunehmen: entweder horizontal, fokussiert in der räumlichen Weite der Gleichzeitigkeit oder vertikal, in der zeitlichen Tiefe der Raumlosigkeit.

Der grösste Vorzug der ersteren ist ein quantitativer: Diesem Blick öffnet sich eine unendliche Fülle von Phänomenen, die – weil abstrahiert von ihren historischen Gewordenheiten – nach Lust und Laune zu neuen Ordnungen zerdacht werden können (solche Ordnungen bleiben freilich scheinhaft und führen zu keiner Praxis).

Der grösste Vorzug der zweiten ist ein qualitativer: Diesem Blick öffnet sich die historische Gewordenheit der einzelnen Phänomene in der Zeit, die – weil abstrahiert von der unendlichen Fülle in der Gleichzeitigkeit – umso schärfer in ihrer einzigartigen Gewordenheit hervortreten. (Auch dergestaltig Einzigartiges führt freilich zu keiner Praxis.)

Der erste Blick entdeckt die Kongruenzen, der zweite die Differenzen. Kongruenz heisst: die Addition von irgendwie Gleichartigem. Differenz hier heisst: die Reihung von zeitlich Geschiedenem.

Interessant ist die Frage, inwiefern die «Postmoderne», die zweifelsohne die horizontale Weltrezeption bevorzugt, die Folge eines in diesen Landstrichen zunehmenden massenmedialen Totalitarismus ist (ausserhalb der hochindustrialisierten Welt wird man wohl immer andere Probleme haben als jene der «Postmoderne»). Massenmedien zeigen den vertikalen Blick nur unendlich verkürzt, aber die horizontale Vielfalt immer reichhaltiger. (Was tut ein Mensch, zum Beispiel, im Ernst mit fünfzig, hundert oder hundertfünfzig parallel sendenden Fernsehkanälen?)

Wird eine Gesellschaft über längere Zeit flächendeckend mit den beliebigen Perspektiven dieser Medien eingedeckt, so muss der vertikale Blick und damit das historische Bewusstsein jener, die rezipieren, notwendigerweise eingeebnet werden bis zur völligen Indifferenz. Das demzufolge zur Norm werdende ahistorische Bewusstsein lässt aber nur noch Haltungen ohne Verwurzelung in der Zeit zu. Solche Haltungen müssen unkritisch bleiben. Vielleicht ist heute Kritik vor allem dies: die kontinuierliche Einarbeitung der Zeitdimension in die Raumdimension mit dem Werkzeug des Denkens.

(11.02.1995, 30.08.2005; 28.11.+04.12.2017; 09.07.2018)

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