Zwei alte Wörter

1.

Briegge. – Bei einer Zugfahrt letzthin habe ich alten Leuten zugehört, die über ihre Enkelkinder sprachen. Von einem Kind sagten sie: «Es het müesse briegge» – es hat weinen müssen. Während mit dem Wort «weinen», das ich in der Schule gelernt habe, der physiologische Vorgang bei der Aktivierung der Tränendrüsen gemeint bleibt, steckt im Begriff briegge» – dem alles Trotzende, Störrische, Quengelnde von «gränne» fehlt – für mich das abgründige Gefühl einer hoffnungslosen Verlorenheit: Meine Kindheitserfahrung des Geworfenseins in diese Welt, in diese fremde, angstmachende, endlose Leere, die man später «Leben» nannte und die ich – «vernünftig» geworden – mittlerweile selber als «mein Leben» bezeichne. Das Kind aber, das «brieggen» muss, ist untröstlich. Was es fühlt, ist stärker als jeder Trost – es ist das Gefühl, das einen plötzlich befallen hat, wenn man mit aller Einbildungskraft abends beim Einschlafen versuchte, sich das Ende des Weltalls vorzustellen: ein plötzliches, blankes Entsetzen. Dem «brieggenden» Kind hilft nur eine Ablenkung: etwas Quirliges oder etwas Süsses.

2.

Aarig. – Ein sterbender Mundartausdruck, auch bei mir nur noch im passiven Wortschatz vorhanden: «aarig» für merkwürdig, nicht im Sinn von komisch, sondern von befremdlich. In der Kindheit war mir die Wendung geläufig: «Das isch aarig.» Später ging mir dieses Wort verloren, in Basel und Zürich, aber auch ab 1979 in Bern habe ich es nie gehört. Letzthin ist es mir im Gespräch mit M. G., einer gebürtigen Wiedlisbacherin, aufgefallen, und gestern Abend bei meiner Mutter, die immer in Roggwil gelebt hat. Gotthelf schreibt «arig», Bee Juker gibt die Bedeutung mit «auffallend, ungewohnt; seltsam, sonderbar» wieder.[1] Vermutlich ist der Begriff vor allem noch in den Regionen Oberaargau und Emmental gebräuchlich. Für «Das isch aarig» sagte ich später «Das isch koomisch» resp. mit immer kürzerem «o», weil’s stadtbernischer klingt: «Das isch komisch» oder «Das isch merkwürdig». Noch später begann ich Szenewendungen zu gebrauchen: den Anglizismus «Das isch streinsch» oder mit ähnlicher Bedeutung: «Das isch jensits».

Ganz ersetzt wird der Begriff aber durch keine dieser neueren Wendungen. Weil «aarig» für mich ein Wort aus Kinderzeiten ist, ist es mit nicht-sprachlicher Erfahrung aufgeladen, immer schwingt da unterschwellig auch etwas Beängstigendes, zumindest ein wenig Beunruhigendes mit: Ist etwas «aarig», ist eine Bedrohung zwar nicht erwiesen, aber auch nicht ganz auszuschliessen. «Aarig» ist etwas dann, wenn nicht nur mir ein Geräusch merkwürdig vorkommt, sondern der Vater aufsteht, um nachschauen zu gehen, was es gibt. Wenn ich dem Wort «aarig» nachlausche, entsteht in mir das Bild eines heissen, gewittrigen Sommerabends in Roggwil, zwar scheint noch die Sonne, aber weiter drüben, über den Jurahöhen, ist es dunkel geworden und ferner, langgezogener Donner rollt. Zeit, heimzugehen. Inezgo.

[1] Bee Juker: Wörterbuch zu den Werken von Jeremias Gotthelf. Zürich/Stuttgart (Eugen Rentsch Verlag) 1972, S. 11.

(18.04.+18.05.1989, 26.6.+11.07.1997; 17.+22.05.2018)

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