Weiterschreiben

meinen ton nicht abreissen lassen / was in mir singt / singt leise und am rand / ich habe kein recht / mich zum schweigen zu bringen // wenn ich zuviel weiss / versiegt das lied es will / dass das faktische sich wiegt im möglichen / es will dass alle dinge eine seele haben / und reden: schwingend // vergiss wenn du singst alles / dich aber am meisten

(09.1993)

 

Nachtrag 1

Der Text findet sich in einer Word-Datei mit dem Titel «Aus dem Notizheft ‘9.7.93 – 16.4.94’», datiert ist die Transkription mit 23. August 2005. Die Kleinschreibung, die Schräg- und Doppelschrägstriche weisen ihn als Gedicht aus, das aus drei Strophen besteht. Die Aufforderung, beim Singen mich selber am meisten zu vergessen, habe ich ins Notizheft platzsparend in fortlaufenden Zeilen notiert. Mindestens bei der Transkription 2005 hätte ich mir den Raum für die Verse nehmen dürfen:

weiterschreiben

meinen ton nicht abreissen lassen
was in mir singt
singt leise und am rand
ich habe kein recht
mich zum schweigen zu bringen

wenn ich zuviel weiss
versiegt das lied es will
dass das faktische sich wiegt im möglichen
es will dass alle dinge eine seele haben
und reden: schwingend

vergiss wenn du singst alles
dich aber am meisten

(08.08.2017)

 

Nachtrag 2

2008 sprach mir die Literarische Kommission der Stadt Bern das seit 2007 verliehene Stipendium «Weiterschreiben» zu (20'000 Franken abzgl. kantonale Schenkungssteuer). Seither scheint mir, das Gedicht von 1993 sage vor allem, dass fertig sei mit dem Schreiben, sobald mir das Geld ausgehe. Aber ich bin sicher, dass ich 1993 mehr und anderes gemeint habe mit dem Wort weiterschreiben. Bloss erinnere ich mich nicht mehr daran. Aber eigentlich hoffe ich schon, dass «weiterschreiben» nicht «weiterschreiben» sei.

(09.08.2017; 16.03.2018)

 

Nachtrag 3

Im Hinblick auf die Verleihung des erwähnten «Weiterschreiben»-Stipendiums am 16. Januar 2009 hat die damalige Ressortleiterin Kultur des «Bund», Sandra Leis, in der Rubrik «Fünf Fragen an» ein Interview mit mir geführt (auf das ich im Archiv eben stosse). Mehr als fünfzehn Jahre nach dem «weiterschreiben»-Werkstück ist vom poetischen Glanz des damaligen Begriffs kaum etwas übriggeblieben:

«Die Auszeichnung heisst ‘Weiterschreiben’: Für welches Projekt werden Sie das Geld einsetzen?

Ich arbeite im Moment an der Werkausgabe von C. A. Loosli, deren letzter Band im Mai in den Buchhandel kommt. Ich brauche einen Moment Zeit, um zu entscheiden, was ich danach mache. Sicher wird das in einem weiten Sinn im Bereich des Journalismus sein; am liebsten möchte ich etwas anpacken, das ich ‘Jahresreportage’ nenne. Das ist eine grosse Reportage, die nicht darauf aus ist, auf einer Zeitungsseite abgedruckt zu werden. Von einem Roman träume ich nicht, denn Romane hatten ihre grosse Zeit im 19. Jahrhundert. Heute müsste man die Literatur ganz neu erfinden.

Wer sind ihre journalistischen Vorbilder?

Ich habe 38 Semester WoZ studiert in meinem Leben, und das ist auch das Wichtigste meiner Bildung. Ursprünglich war ich Primarlehrer, schliesslich diplomierter Musiklehrer für Blockflöte. Als Schreiber bin ich ein Autodidakt. Mich haben eine ganze Reihe von Leuten geprägt, die in der WoZ wichtig waren. Der Bekannteste ist Niklaus Meienberg, der Brillanteste ist Res Strehle, und die Bedeutendste ist Lotta Suter.

Liest man ihre Reportagen, so wird klar: Ihr Herz schlägt für die kleinen Leute.

Ja. Wenn ich meine eigenen Reportagen kritisieren müsste, würde ich sagen, dieses Engagement birgt die Gefahr, dass die Texte sozialromantisch werden. Manchmal habe ich die sogenannten kleinen Leute zu sehr als Opfer von gesellschaftlichen Verhältnissen gesehen. Selbstverständlich gibt es gesellschaftliche Zwänge, aber richtig ist auch, dass jeder Mensch in einem gewissen Rahmen etwas tun kann. In meiner nächsten Reportage werde ich mich bestimmt wieder um solche Leute bemühen. Dabei will ich untersuchen, worunter sie leiden und was sie dagegen unternehmen.

Ihr Werk kreist immer wieder um Bern und seine Vergangenheit. Beispielsweise haben Sie die Berner Subkultur der Vorachtundsechzigerzeit erforscht. Was fasziniert Sie an der Bundesstadt?

An der Bundeshausstadt nichts; an Bern, dass ich hier ein gutes Leben führen kann. An Themen rund um diese Stadt arbeite ich, weil ich Intellektueller bin, der weder die Fähigkeit noch die Lust hat, in den grossen Medien als pfarrherrlicher Erstklassüberflieger aufzutreten. Darum versuche ich da, wo ich lebe, das zu schreiben, was ich für wichtig und nötig erachte.

Sie sind stets ein Aufklärer geblieben. Glauben Sie an das Gute im Menschen?

Aufklärer ist heutzutage ein grosses Wort, aber ich stehe dazu. Ich glaube nicht unbedingt an das Gute im Menschen, aber ich glaube auch nicht an das Schlechte im Menschen. Ich glaube, dass man mit den Menschen, vorausgesetzt, man behandelt sie fair und auf gleicher Augenhöhe, sehr wohl zu vernünftigen Resultaten kommen kann. Wenn die Augenhöhe nicht stimmt, funktioniert das nicht. Das ist der Grund, weshalb die WoZ für mich nicht in erster Linie eine Zeitung war, sondern ein Projekt. Entscheidend war die relativ sauber durchgehaltene Hierarchiefreiheit. Es gab keine formellen Hierarchien, und es gab eine strikte Lohngleichheit. Heute ist das linker Schwurbel, trotzdem hat das Miteinander gut geklappt. Der Mensch ist nicht einfach gut oder schlecht, aber er ist sozial. Allerdings nur, wenn er eine Chance bekommt. (sl)»

(22.11.2021)

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