Plötzlich alt

Allein im Restaurant «Sous le pont» in der Berner Reitschule. Nach dem Abendessen wechselt der Kellner, ein etwas phlegmatischer Freak mit brustlangem Haar und sympathischem Gesicht, meine Hunderternote. Ich runde auf zwanzig Franken auf, er zählt Noten auf den Tisch und sagt: «Und achzg für Öich.»

Er ist längst weg, als ich immer noch perplex dasitze: Der Kellner hat mich gesiezt. Ein Schock: Für mich ist dieser Gebäudekomplex das AJZ, das Autonome Jugendzentrum der «Berner Bewegung» geblieben, das es 1981/82 einige Monate lang gewesen ist und an dessen Eröffnung im Oktober 1981 ich in diesem Raum an einem Stand die Bewegungszeitung «Drahtzieher» verkauft habe, deren Mitredaktor ich damals gewesen bin. Und jetzt werde ich hier gesiezt als einer, dem man offensichtlich ansieht, dass er nicht dazugehört und den man deshalb siezen muss.

Hierher gekommen bin ich heute, um mir nach dem Abendessen im Reitschul-Kino wieder einmal den Jugendbewegungsfilm «züri brännt» anzuschauen. So sitze ich im dunklen Kinosaal und höre mir mit dem gleichen Vergnügen wie seinerzeit Silvano Speranzas brillant-bissige Kommentare an, die er im Off des Films zu Pius Morgers endlos-düsteren Betonfahrten spricht – Silvano, der mir Anfang 1983 ermöglichte, mit ihm an der St. Moritzstrasse 6 in Zürich in einer Wohngemeinschaft für Ex-Junkies zu leben (was wir beide nicht gewesen sind), jener Wohngemeinschaft, in der in jenem Winter der «Zirkus federlos» gegründet worden ist, dessen erstes Programm ich in Bassersdorf sah und den ich auch später immer wieder gerne besuchte, wenn er im Berner Gaswerkareal gastierte.

Als das Licht wieder angeht, sitze ich als Grauhaariger unter Jugendlichen, die damals, als Zürich brannte… Tja.

(6.6.1997; 21.10.2005; 08.08.2017; 16.03.2018)

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