Heimathieroglyphe

Als ich, im Intercity-Zug auf der Fahrt von Bern nach Zürich lesend, zufällig aufschaue, geht mein Blick über die verschneiten Wässermatten Richtung Roggwil. Hinter einer niedrigen, bewaldeten Geländestufe das Dorf nicht sichtbar. Über der Stufe jedoch ist im Hintergrund die dunkel geschwungene Wipfellinie des Unterwalds erkennbar, die einen trüben Himmel begrenzt. Bevor ich weiss, dass ich, aus Gedanken auftauchend, auf den Horizont meiner Kinder- und Jugendjahre blicke, strömt warm ein Blutschwall durch das Sonnengeflecht. Etwas in meinem Bauch hat die Linien als Heimathieroglyphe erkannt, bevor mein Bewusstsein sie gelesen hat.

(18./21.01.1994; 19.12.2001; 03.08.2017)

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