Der menschliche Massstab

­Für mich war dieser Satz aus dem «Tagebuch 1946-1949» von Max Frisch immer wichtig: «Es gibt, so scheint es, einen menschlichen Massstab, den wir nicht verändern, sondern nur verlieren können.»[1] Allerdings, so scheint mir heute, gehört zu diesem Satz ein zweiter: Das Menschgemässe ist nie warenförmig. Frischs Satz ist eine Formulierung der Moderne, fortschrittskritisch, kritisch gegenüber dem eindimensionalen technologischen und dem politisch totalitären Universum zu Beginn des Kalten Kriegs. Mein Nachsatz entstammt wohl dem 19. Jahrhundert: Ob die Perspektive des einzigmöglichen Menschgemässen für Karl Marx ein Grund gewesen ist, die Darstellung der politischen Ökonomie mit der Ausformulierung der Warenanalyse zu beginnen?[2]

[1] Max Frisch: Gesammelte Werke Band 2, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1986, S. 392.

[2] Karl Marx: Das Kapital Band 1, MEW 23, Berlin (Dietz Verlag) 1984, S. 49ff.

(27.04.1989; 07.08.2017)

 

Nachtrag 1

Seit ich dieses Werkstück geschrieben habe, ist mit dem realexistierenden Sozialismus die Hoffnung-trotz-allem der linken Moderne untergegangen und bei der Beobachtung des beispiellosen politisch-ökonomischen Rollbacks, das seither eingesetzt hat, frage ich mich ab und zu, ob die jetzt anbrechende Zeit geistesgeschichtlich noch einmal im 19. Jahrhundert beginnen muss, weil sie im 20. den «menschlichen Massstab» verloren hat. Darauf weist ja der Anschluss hin an Frischs Zitat, den ich bisher übersehen habe: «Dass er verloren ist, steht ausser Frage; es fragt sich nur, ob wir ihn noch einmal gewinnen können und wie?»[1] Oder anders: Liegt die Zukunft einer linken, das heisst in einer um die Begriffe Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich zentrierten Weltsicht, im 21. oder im 19. Jahrhundert?

Übrigens habe ich Frischs Zitat schon öffentlich verwendet: In der Bundesratsbunker-Reportage habe ich vorgeschlagen, das Stollensystem zuzumauern und in der Eggenschwand, beim Eingang, ein Denkmal zu errichten, auf dem nichts als dieser Satz Frischs stehen solle.[2]

[1] Max Frisch: Gesammelte Werke Band 2, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1986, S. 392.

[2] Fredi Lerch: Mit beiden Beinen im Boden. Zürich (WoZ im Rotpunktverlag) 1995, S. 297.

(27.06.1997; 07.08.2017)

 

Nachtrag 2

Produktives Missverständnis

«Es gibt, so scheint es, einen menschlichen Massstab, den wir nicht verändern, sondern nur verlieren können.» (Max Frisch)

Den Satz habe ich als Zwanzigjähriger erstmals gelesen. Später ist er mir ethische Maxime geworden für die journalistische Arbeit. Viele Jahre zweifelte ich nicht daran zu wissen, was «menschlicher Masstab» sei beim Schreiben und beim Publizieren: Nieder mit den Objektivitätern! Anwaltschaftlicher Journalismus bis zum Privatkonkurs!

Jetzt, da ich Frischs Satz im Zusammenhang nachlese, sehe ich, dass bei ihm von Ethik gar nicht die Rede ist. Er spricht vom technologischen Fortschritt, der dahin führte, «dass wir unser Tempo überschritten haben». Es geht um die Antiquiertheit des Menschen, der sich als Gewordener schämt vor dem Gemachten, das er zu tun im Stande ist (wie Günther Anders damals gesagt hat[1]).

Mein auf Frisch gegründetes journalistisches Ethos ist nichts als ein – für mich produktives – Missverständnis. Von einem Aufklärungsanspruch, der menschgemäss undogmatisch vorgetragen werden müsse, hat Frisch hier mit Sicherheit nicht geredet.

Übrigens hat sein Satz einen Nachsatz, der mich als Maxime für den Rest des Lebens leiten soll: «Dass er [der menschliche Massstab, fl.] verloren ist, steht ausser Frage; es fragt sich nur, ob wir ihn noch einmal gewinnen können und wie.»

[1] Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen I. München (Verlag C. A. Beck) 1987, S. 23ff.

(21.02.2011, abgedruckt in WOZ Nr. 8/2011)

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