Volkskultur und Antirassismus

Während der NONkONFORM-Recherche schreibe ich mir zur Kritik des «Tägel-Leists»[1] an der herrschenden Kultur um 1960 zwei Zitate heraus:

• Sergius Golowin: «Man nennt etwa das Bestreben, im heutigen Wirrwarr den Weg seiner Seele zu gehen, an seiner eigenen heilen Welt zu bauen, ‘innere Emigration’. Warum nicht ‘innere Heimatsuche’? Nur Menschen mit solcher Sehnsucht halten ja heute unserer Gesittung die Treue, die andern sind die fremden, beklagenswerten, ruhelosen Flüchtlinge in ihrem Bereiche, auch wenn sie die Macht der Mehrheit besitzen und auch ausüben sollten.» (SINWEL[2], Nr. 9/1960)

• René Neuenschwander: «Wahre Volkskultur bindet den Menschen gleicher Herkunft zu einem Ganzen, aber, gefestigt in sich, kann er es sich leisten, weltoffen zu sein und von hier, von dieser Grundlage aus, gäbe es vielleicht ein neues, erstarktes Europa, keine Allianz der Nationen, aber ein Bund der Völker.» (Vortrag «Erziehung und Volkskultur», April 1958)

Neuenschwanders Satz habe ich später im Begert-Buch so kommentiert: «Erst eine starke kulturelle Identität, könnte man Neuenschwanders These in den Jargon der neunziger Jahre übertragen, mache antirassistische Weltoffenheit möglich.»[3]

[1] Zum «Tägel-Leist» siehe: Fredi Lerch: Begerts letzte Lektion. Zürich (WoZ in Rotpunktverlag) 1996, S. 217f.

[2] Zur Zeitschrift «SINWEL» siehe: Lerch, a.a.O, S. 251.

[3] Lerch, a.a.O, S. 235.

(23.12.1995; 25.10.2002; 8.05.; 13.07.2018)

 

Nachtrag 1

Als Ideologe des «Tägel-Leists» löst Sergius Golowin den Begriff der «inneren Emigration» verschiedentlich aus seinen zeitgeschichtlichen Bezügen und definiert ihn um. In die innere Emigration gingen meines Wissens jene SchriftstellerInnen und KünstlerInnen, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland zwar in Opposition zur Herrschaft sahen, jedoch das Land nicht verlassen konnten oder wollten. Golowin deutet die innere Emigration um, indem er insinuiert, sie sei in einem idealistischen Sinne nötig vor den Zumutungen des wurzellosen Materialismus seiner Zeit. Neuenschwanders Gedanke, dass nur, was in sich gefestigt ist, Weltoffenheit zulassen könne, ist zwar schön und vermutlich richtig – dass aber individuelle Gefestigtheit hinreiche, an der «Allianz der Nationen» vorbei einen «Bund der Völker» zu schliessen, ist naiv, wenn es ein 47jähriger sagt, der Neuenschwander damals war. Mit seinem Postulat kann man weder Allianzen schliessen noch Bünde schmieden. Weltoffenheit ist ein individueller ethischer Impuls, den man sich nota bene leisten können muss.

(11.11.2005; 18., 24.05.+13.07.2018)

 

Nachtrag 2

Die Hoffnung, eine starke kulturelle Identität mache antirassistische Weltoffenheit erst möglich, ist eine politische Illusion. Längst wird die Idee, Kultur als nicht historisch bedingt und also als nicht veränderbar zu betrachten – und ich gehe davon aus, dass Neuenschwander ungefähr dies unter «wahrer Volkskultur» verstanden hat – geradewegs unter dem Begriff des «kulturellen Rassismus» diskutiert. Fast zur gleichen Zeit wie Neuenschwander stellte Theodor W. Adorno 1955 fest: «Nicht selten verwandelt sich der faschistische Nationalismus in einen gesamteuropäischen Chauvinismus. […] Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein blosses Deckbild für den brutalen Herrschaftsanspruch.»[1] Damit soll nicht gesagt sein, dass Neuenschwander damals eigentlich Rassistisches gesagt haben wollte, sondern, dass die Bindung von «Menschen gleicher Herkunft zu einem Ganzen» andere Effekte zeitigt, als er sie sich im idealistisch hochgesinnten «Tägel-Leist» erhofft hat.

 [1] Theodor W. Adorno: Schuld und Abwehr. Gesammelte Schriften Band 9/2. Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1975, S. 276f.

(24.05.2018)