Mein Auftritt in «Die Akte Bern»

Ein Nachtrag zu meiner Rolle als Kulturboykott-Aktivist und zum Mäander 16 des Stückwerks:

Am 3. Mai 2018 hatte in den Vidmarhallen des Stadttheaters Bern Tobi Müllers Stück «Die Akte Bern. Ein Theaterbericht von Fichen bis Facebook» Uraufführung. Ich habe die Inszenierung einige Tage später angeschaut, sozusagen aus Gründen beruflicher Seriosität.

Denn es ist so: Am 6. März 2017 erhielt ich von Müller aus Berlin ein Mail, wonach er an diesem Stück arbeite: «Aufgrund von Interviews schreibe ich ein Stück über den raschen Wandel der sog. Kreativklasse von Überwachungsgegnern hin zu ‘freiwilligen’ Personality-Strippern, um es mal polemisch zu formulieren. […] Ich plane rund 10 oder 12 Interviews zum Thema. Darüber wollte ich mit Dir reden, über die Fichenaffäre und den Kulturboykott etc.» Am 20. April 2017 besuchte er mich daraufhin im puncto Pressebüro in Bern. Sein Ansinnen, mich während des Gesprächs, um das er mich gebeten hatte, zu filmen, lehnte ich ab; der elektronischen Aufzeichnung des Gesagten stimmte ich hingegen zu.

Nach diesem Gespräch hörte ich ein Jahr lang nichts mehr. Mit dem Hinweis, am 3. Mai stehe nun die Uraufführung bevor, mailte mir Müller am 17. April 2018 eine Worddatei zu, die zwei Stellen dokumentierte, «in denen Du namentlich vorkommst, und ein bisschen Kontext». Hier sind sie:

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1.

«PESCHE: Die Bürgerlichen waren nicht die primären Überwachungsopfer, es hat deutlich mehr Linke getroffen. Und darunter waren halt auch viele Kulturschaffende. Die sich daraufhin weigerten, bei der 700 Jahr-Feier der Schweiz mitzumachen.

Fredi Lerch, Berner Journalist und damals Mitorganisator des Kulturboykotts, denkt heute, dass der Skandal nur eine Ablenkung war, weil nach dem Kalten Krieg der ganze analoge Nachrichtenhaufen eh überflüssig wurde und man auf digital umstieg. Er wollte nicht gefilmt werden, sagte aber...

FREDI LERCH (Schweizerdeutsch, AUDIO)

Die Veränderung auf elektronische Überwachung war vermutlich für diese Leute evident, und wird effizienter in dem Mass, als das Karteikartensystem sowieso für nichts mehr gut ist, also: Was wir bisher zusammengetragen haben, ist im doppelten Sinn obsolet, technisch und ideologisch. Weg mit dem Dreck. So konnte man vermutlich denken als Fachmann innerhalb der Bundespolizei, vom Staatsschutz. Dann musste man das doch irgendwie inszenieren. So nahm man den Moritz Leuenberger und hat ihm eine Karriere ermöglicht, später wurde er ja Bundesrat: Hier hast du einen grossen Skandal, den kannst du jetzt lüpfen. Also, das ist jetzt meine Verschwörungstheorie. Drum nimmt es mich wunder, was er gestern gesagt hat. Hat er es so dargestellt?  

(Tobi): Er hat gesagt: Verschwörungstheorie. Ja. (Beide lachen, fadeout)»

2.

«ANNA: Ihr habt ja dann gleich den Begriff ‘Schnüffelstaat’ geprägt, mit dem man den letzten Bürgerlichen vertreibt. Ihr wolltet wieder mal unter Euch bleiben... Ja keine Netze knüpfen, immer nur den andern vorwerfen, das kontrollierende Netz zu sein.

PESCHE: Wie stellst du dir so eine parteiübergreifende Demo vor? Perlenketten und Patschuliträger vereint vor dem Polizeikordon? Der Villiger Stumpen und die Brissago neben dem Joint? Fragen wir nochmals Fredi:

Audio Fredi Lerch:

‘Ja, aber man wollte ja auch nicht mit den Bürgerlichen go häreschtoh. Es [die Fichenaffäre, fl.] wurde ja auch sofort eingeordnet als Überwachung der Linken im Kalten Krieg. Alles, was links und nonkonformistisch und nicht ganz auf der bürgerlichen Linie war, wurde als fünfte Kolonne von Moskau wahrgenommen. … Drum finde ich es jetzt interessant, dass dieser Petitpierre, freisinniger Bundesrat, sagst Du, überwacht wurde. Die hei no meh gschpunne, aus i gmeint ha.’»

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Während der Aufführung stellte ich fest: Die beiden Statements wurden während des Stücks aus dem Off in meiner umgangssprachlichen Rede eingespielt. Von den audiovisuell präsentierten «Experten» (so das Programmheft) bin ich der einzige, der sich nicht hat filmen lassen. Direkt nach meinem ersten Statement redete nicht die Figur Pesche weiter (die im Zugemailten erwähnte Figur Tobi gibt es nicht), sondern auf den Bildschirmen, die auf der Bühne standen, erschien kurz alt Bundesrat Moritz Leuenberger mit einem Halbsatz, in dem er sich von einer Verschwörungstheorie distanziert.

Meine beiden Statements sind formal insofern unglücklich ausgewählt, als sie sich am Schluss jeweils auf Aussagen beziehen, die im damaligen Gespräch zuvor Müller mir gegenüber gemacht hat. Beim ersten Statement wird das Selbstbezügliche aufgefangen mit Leuenbergers Replik, beim zweiten wird die Fichierung von Petitpierre vorgängig vermittelt.

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Aus Gründen der beruflichen Seriosität ist Selbstkritik nötig: Eingelassen habe ich mich auf Müllers Anfrage, weil er zu meinen WoZ-Zeiten als freier Journalist bei der Zeitung mitgearbeitet hat. In meiner Erinnerung ging ich von einem Informationsgespräch aus, davon, dass Müller von mir als Kulturboykott-Insider Hintergrundwissen abholen wollte. Allerdings bat er mich ja darum, filmen zu dürfen. Darum vermute ich, dass er mir sehr wohl offenlegte, mit den audiovisuellen Aufnahmen als Teil des Theaterstücks arbeiten zu wollen. Es ist also mein Fehler, wenn ich danach in einer Off-the-record-Manier flapsig Auskunft gegeben habe.

Abgesehen davon haben mich in Bezug auf den Einsatz meines ersten Statements zwei Dinge geärgert:

1. Dass ich meinen Beitrag nach einem Jahr Schweigen erst vierzehn Tage vor der Uraufführung zum Gegenlesen gekriegt habe, war unfair (ich habe nach Lektüre des Mails am 17. April 2018 einen Moment überlegt, die Verwendung der Statements zu verbieten – der Begriff «Verschwörungstheorie» hat sich im letzten Jahr ja noch immer weiter negativ aufgeladen –, aber gegenüber einem alten WoZ-Mitarbeiter kann man doch vierzehn Tage vor der Uraufführung nicht so sein).

2. Sowohl inhaltlich als auch formal unfair war beim ersten Statement Müllers Vorgehen, meine unbedacht kommentierende Selbstbezichtigung als Verschwörungstheoretiker mit Leuenbergers Distanzierung zu montieren. (Man hätte mein Statement nach Abschluss der Erzählung – nach dem Wort «lüpfen» – inhaltlich problemlos beenden können.)

• Mit dieser Montage, die mich aus dem Mund eines ehemaligen Bundesrats zum Verschwörungstheoretiker macht, insinuiert Müller, Leuenberger habe tatsächlich auf mein Argument geantwortet. Dass das unmöglich so war, geht aus meinem Statement hervor: Ich beziehe mich ja schon auf dieses Leuenberger-Gespräch, das offenbar tags zuvor, also am 16. April 2017, stattgefunden hatte und von Müller mir gegenüber am 17. April erwähnt worden sein musste. Journalistisch gesehen ist eine solche Montage grobe Manipulation – dass sie als Kunst durchgeht, erstaunt mich nicht.

• Inhaltlich ist meine unvorsichtige Äusserung deshalb doppelt ärgerlich, weil die Tatsache, dass in der Schweiz noch nie einE SozialdemokratIn zum Bundesrat gemacht worden ist, der oder die der bürgerlichen Mehrheit nicht genehm gewesen wäre, mit Verschwörungstheorie nichts zu tun hat: Zum Beispiel Hans-Peter Tschudi (1959), Willi Ritschard (1973), Otto Stich (1983) oder Ruth Dreifuss (1993) wurden alle gegen die offiziellen SP-KandidatInnen gewählt. Dass Leuenberger 1995 als offizieller Kandidat in den Bundesrat gewählt wurde, macht deutlich, dass er den Bürgerlichen genehm war. Hätte er zuvor seinen Job als Nationalrat und Präsident der Parlamentarischen Untersuchungskommission in der Fichenaffäre nicht im Sinn der bürgerlichen Politik gemacht, wäre er nicht gewählt worden.

Praktische Konsequenz aus der Selbstkritik: Als Berufsmann (mit dem Beruf: Printjournalist a. D.) nehme ich mir vor, nur noch im Notfall öffentlich zu reden (wie z. B. letzthin als Vogt-Herausgeber in der SRF-«Schnabelweid»). Grundsätzlich soll gelten: Was es von mir öffentlich gibt, sind Texte.

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Abgesehen davon ist der Schaden klein. Meine beiden Statements gingen en passant vorbei. Haften blieben die Aussagen ausführlicher zitierter «ExpertInnen» (insbesondere Polo Hofer, Moritz Leuenberger, Grazia Pergoletti und Aline Trede). Das Stück, da gebe ich Daniel di Falco recht (siehe Rezension in Bund, 05.05.2018), bringt «als Gegenwartsdiagnose wenig mehr Bedenkenswertes […] als Müllers Frage, warum der Fichenskandal heute gar keiner mehr sei». Ob das Theater überhaupt die geeignete Form ist, um die Frage nach der allerdings radikalen Veränderung von Öffentlichkeit und Privatheitsanspruch der Einzelnen in den letzten dreissig Jahren, bleibt für mich nach diesem Theaterabend fraglich.

Aber Müllers Verdienst bleibt es, die Frage für den gesellschaftlichen und sozialen Raum der Schweiz gestellt zu haben. Und das Verdienst der Theaterprofis ist es, einen gut rhythmisierten und spektakelreichen Abend zusammengebaut zu haben aus dieser abstrakten Frage.