Reithalle Bern: Von der Subkultur zur Gegenkultur

 

Bei diesem Werkstück handelt es sich um eine leicht umredigierte Passage aus dem Aufsatz «Die Kunst, den Aufbruch zu verteidigen»[1].

Subkulturen, die bis heute mit Raumnahmen den territorialen Anspruch auf «rechtsfreie» Räume durchzusetzen versuchen, sind mit meinen fünf Bestimmungen von Subkultur nicht adäquat zu fassen. Deshalb wird eine sechste Bestimmung nötig:

6.

Schafft sich eine Subkultur durch Raumnahme einen Rahmen, der ihren Aufbruch in der Zeit haltbar machen soll, so entsteht dadurch eine Gegenkultur.

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Auf dem Berner Reitschulareal hat im Herbst 1987 ein Netz von Subkulturen einen gegenkulturellen Ort erobert. Was ist darin seither «Subkultur» geblieben? Zur Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, die Geschichte der Reithalle entlang der fünf Subkultur-Bestimmungen zu skizzieren.

1. Prozess. – Wie können prozesshafte Verläufe dingfest gemacht werden? Zwar spiegeln sie sich in Dokumenten, etwa in den Programmen der Kinogruppe oder den Archivbeständen des Infoladens, in den Menüplänen der Beiz SousLePont oder den Bühnenbildern des Theater-Dojos. Aber der Prozess ist gerade das, was in dem, was übrigbleibt, nicht mehr vorhanden ist; er ist das Schmiermittel der Maschine, nicht das, was sie produziert. Prozesshaftigkeit muss deshalb im Rückblick negativ bestimmt werden.

In der Reithalle ist kein Produktionsort und kein Dienstleistungsbetrieb entstanden, der auch nur lokal betrachtet zum volkswirtschaftlichen Faktor geworden wäre. In der Reithalle ist in den letzten zehn Jahren weder eine Musik, noch eine Literatur, noch eine Kunst, noch eine Filmkultur entstanden, die über das Areal der Schützenmatte, auf der sie steht, hinaus als spezifische «Reithalle-Kultur» gelten könnte. Die wichtigen Hervorbringungen, die sich eindeutig der Reithalle zuordnen lassen, haben stark prozeduralen Charakter: Die Monatszeitschrift «megafon» so gut wie die laufenden Sanierungsarbeiten des Baukollektivs BakIKuR, die Konsumationsangebote des Restaurants SousLePont und der Cafeteria so gut wie die Konzert- und Filmprogramme der Veranstaltungs- und der Kinogruppe.

Trotzdem hat die Reithalle unbestreitbar eine Ausstrahlung weit über Bern hinaus und ist heute für tausende von Leuten ein Begriff, ein Treffpunkt, eine Werkstatt des kulturellen und politischen Engagements, kurz: ein subkultureller Durchlauferhitzer. Dass sie von vielen seit jeher als alternativer Konsumtempel genutzt worden ist, wäre erst dann entscheidend, wenn dadurch das prozesshaft Ablaufende verhindert worden oder weggefallen wäre.

2. Identität und Botschaft. – Die explosive ideologische «Bricolage», die nach der Räumung der Hüttendorfsiedlung Zaffaraya im Herbst 1987 über Wochen immer wieder bis zu 10’000 Leute auf die Strasse brachte, bestand vor allem aus zwei Elementen. Einerseits mobilisierte das gegen die «‘zivilsierte’ Kultur» gerichtete ganzheitliche Kulturverständnis, das aus dem Umfeld des Zaffarayas 1986 mit einem überall geklebten «Manifest» bekannt gemacht worden war und ein Jahr später wegen der obrigkeitlichen Räumungsdrohungen gegen das Hüttendorf zum Stadtgespräch avancierte: «Essen, Wohnen, Arbeiten, Denken, Fühlen, Träumen, zämä sii, zämä rede…Kultur heisst leben.» Andererseits hatten sich im Frühling 1986 verschiedene Einzelpersonen und alternative Kulturgruppierungen zum Verein «Interessengemeinschaft Kulturraum Reitschule» (IKuR) zusammengeschlossen und seither beharrlich ihre Forderung nach einem selbstverwalteten Kulturzentrum in den Räumen des zwischen Herbst 1981 und Frühling 1982 bestehenden Autonomen Jugendzentrums AJZ wiederholt. Deshalb wurde die Anfangszeit der Reithalle von einem ideologischen Amalgam geprägt zwischen der rückwärtsgewandten Utopie vorzivilisatorischer Ganzheitlichkeit und der Forderung nach selbstverwaltetem Kulturraum durch eine postmaterialistische, urbane Alternativszene.

Durchgesetzt haben sich – über die letzten zehn Jahre betrachtet – zwei Botschaften: die Kulturvermittlung und das politische Engagement. In den Sparten Musik, Film und Theater ist die ursprüngliche Forderung der IKuR nach einem selbstbestimmten Kulturzentrum eingelöst worden. Als illusionär erwiesen hat sich dabei sowohl im Bereich der Konsumation als auch in jenem der Kulturvermittlung, Kultur im Sinn der Zaffaraya-Utopie ausserhalb des Marktes zu realisieren. Die Reithalle ist kein Indianerdorf, sondern ein Dienstleistungsbetrieb geworden. Am zumeist verbalradikal vorgetragenen politischen Engagement fällt die fragmentierte Weltsicht auf. Einerseits ist die lokalpolitische Ebene wichtig, die häufig reduziert wird auf die Kritik an der städtischen Repressionspolitik und auf die pragmatisch-schlitzohrig geführten Verhandlungen mit der Stadt um die Legalisierung der Reithalle-Aktivitäten. Andererseits gibt es die Kritik der weltpolitischen Grosswetterlage durch die kontinuierliche Solidaritätsarbeit, die Betreibung des Infoladens und die «Internationalistischen Seiten» im «megafon». Zwischen diesen beiden Ebenen jedoch klafft eine grosse Lücke: Zentrale innenpolitische Themen der letzten zehn Jahre fehlen weitestgehend (der dramatische wirtschaftliche Strukturwandel und die Schwäche des gewerkschaftlichen Widerstands; die Auseinandersetzungen um die Überführung des Nationalstaats in supranationale Strukturen u.a.).

Gesteuert wird das politische Engagement der Reithalle-Gegenkultur bis heute weniger von einer konsistenten Wahrnehmung der realpolitischen Wirklichkeit, als vielmehr von der je spezifischen Interessenlage der aktiven subkulturellen Kreise. Die feministisch engagierten Frauen beispielsweise wurden im Sinn einer gegenkulturellen Selbstkritik aktiv und begannen, die patriarchalen Strukturen zu thematisieren, die sich innerhalb der Gegenkultur unreflektiert reproduzierten. In der Folge erkämpften sie sich durch zeitlich beschränkte und unbeschränkte Raumnahmen (Frauendisco, Frauenraum) eine Gegenkultur in der Gegenkultur.

3. Gegenöffentlichkeit. – Das wichtigste, weil kontinuierlichste Medium der Reithalle-Gegenkultur ist das «megafon», die monatlich erscheinende «Zeitung aus der Reithalle Bern», die von der reithalleeigenen Druckerei hergestellt wird.[2] Seit das Lokalradio Bern (RaBe) am 1. März 1996 seinen Sendebetrieb aufgenommen hat, gestalten Reithalle-AktivistInnen die wöchentliche Sendung «Störung – Infos aus dem Pferdestall». Im politischen Bereich wird von Fall zu Fall mit Demonstrationen, Transparenten und Flugblättern Öffentlichkeit hergestellt; die kulturveranstaltenden AG’s haben heute keine Mühe mehr, ihre Hinweise über die grossen Tageszeitungen, die Lokalradios oder über Radio DRS 3 zu verbreiten.

4. Organisation. – Seit den ersten «Brüllaffen-Vollversammlungen», die nach der Besetzung im Herbst 1987 anfänglich jeden Sonntagnachmittag stattgefunden haben, hat sich die Organisation der Reithalle «zu einer disziplinierten Sitzungskultur weiterentwickelt».[3] Die grundsätzliche Organisationsstruktur ist von der Jugendbewegung zu Beginn der achtziger Jahre übernommen worden: Die AktivistInnen arbeiten in verschiedenen Arbeitsgruppen (AG’s) und halten zur Koordination und zu politischen Grundsatzdiskussionen regelmässige VV’s ab. Bereits das «Megaphon» Nummer 1 vermeldete, dass an der letzten VV «verschiedene Arbeitsgruppen» gebildet worden seien. Zwei Wochen später gibt es bereits eine Arbeitsgruppe «Telephonzytig», eine Elterngruppe, eine SchülerInnengruppe, die AG Repression, die AG Zärtlichkeit und Zorn, dazu Baugruppe, Sanitätsgruppe und Zytigsgruppe, eine Küche und die Gruppe für die Festkoordination Weihnachten.[4] Wöchentlich entstehen damals weitere Arbeitsgruppen. Mitte Januar wird die «Koordinationsgruppe» aktiv: «Aus jeder Arbeitsgruppe zwei Leute delegieren, die max. 3mal teilnehmen (Rotationsprinzip). Neben der VV wird hier administrativer Kram erledigt (Stutz verteilt, Pool verwaltet, VV-Themen vorbereitet etc.).»[5] Bereits nach weniger als drei Monaten wurde also die Relativierung der basisdemokratischen Struktur nötig und die operative Leitung einem Gremium von vergleichsweise sachkompetenten AktivistInnen übergeben. Diese Struktur existiert bis heute. VV’s finden nur noch selten und dann zu grundsätzlichen Problemen (Wirtepatent, Bauhütte) statt; für die Organisierung des gegenkulturellen Alltagsbetriebs haben sie keine Bedeutung mehr. Innerhalb der einzelnen AG’s machen sich heute in unterschiedlichem Mass Professionalisierungstendenzen bemerkbar – etwa wenn die Programmgestaltung in der Veranstaltungsgruppe nur noch von vier routinierten AktivistInnen vorgenommen wird, die sich ihrerseits aufteilen auf die Sparten Jazz, experimentelle elektronische Musik, sowie im Bereich der tanzbaren Musik auf Techno und Rap.

5. Ökonomie. – So uneinheitlich wie der Grad der Professionalisierung ist der Stand der Dinge in der Frage der Lohnarbeit. Bereits im Winter 1987/88 ist eine heftige Stutz-Debatte entbrannt. Auf der einen Seite führte eine anarchistische Fraktion Proudhon ins Feld («Eigentum ist Diebstahl») und schrieb im «Megaphon»: «Dass in der Reitschule gearbeitet wird, ist klar. Dass dies auf freiwilliger Basis und zum Nutzen aller geschieht, ist (war?) auch klar. […] Die Diskussion läuft und Unglaubliches wird zum Teil vorgebracht: die Rede ist von LÖHNEN, ANGESTELLTENVERHÄLTNISSEN, STARGAGEN, EINTRITTSGEBÜHREN, GELD, KAPITAL. Kalte Schauer liefen mir den Rücken hinunter…»[6] Gegen solchen Purismus trat eine «Arbeitsgruppe gegen generalisierte Gratisarbeit – hier und anderswo» (AGGGGA-HUA) auf und argumentierte: «Zu den Ausgaben [der Reithalle, fl.] gehören neben Einrichtungsinvestitionen, Renovations- und Infrastrukturkosten vor allem Löhne und Entschädigungen. Denn wenn Tätigkeit zu Arbeit wird (stundenlang und immer wieder den Barbetrieb führen, Alk anschleppen, WCs putzen, aufräumen, Kinder hüten, Bücher abstauben, Abrechnungen erstellen etc.), dann hört über kurz oder lang der Spass auf.»[7] Das Verhältnis zum Geld blieb in der Reithalle-Gegenkultur widersprüchlich und uneinheitlich. Wurden die Waren und Dienstleistungen zuerst überhaupt gratis oder zum Selbstkostenpreis angeboten, behalf man sich danach beim Eintritt zu Veranstaltungen jahrelang schamhaft mit Kollekten. Die Kinogruppe verlangt noch heute für ihre Vorstellungen keinen fixen Eintrittspreis, sondern gibt einen «Richtpreis» von 10 Franken an, der erst nach der Vorstellung entrichtet wird. Die meisten AG’s verkaufen ihre Dienstleistungen allerdings heute zu festgesetzten Preisen, anfallende Arbeiten werden normalerweise zum Reithalle-Einheitslohn von 15 Franken vergütet.

Vor allem zwei AG’s setzen heute Geld um: die Veranstaltungsgruppe und die Beiz SousLePont. In kleinerem Masstab fliesst Geld auch in der Cafeteria, im Dojo, im Kino und im Frauenraum. Die AG’s arbeiten nicht gewinnorientiert und haben einen Teil der Einnahmen an den Reithalle-Pool abzugeben, der darüber hinaus aus einer Steuer auf allem im Areal verkauften Alkohol und aus den Einnahmen des alljährlichen Baufestes gespiesen wird. Über diesen Pool wird eine Reithalle-interne Quersubventionierung (vor allem für das «megafon») und eine Deckung der Administrativkosten möglich (Löhne für die aus allen AG’s rekrutierten Betriebsgruppenleute, die sich im Sekretariatsdienst abwechseln; Telefonrechnungen; Büromaterial inklusive Hardware; Baurenovationen etc.). Für spezielle Projekte, die häufig genug die Möglichkeiten des Pools übersteigen, können die einzelnen AG’s Subventionsgesuche einreichen.

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Zusammengefasst: Entlang meiner fünf Subkultur-Bestimmungen hat die gegenkulturelle Raumnahme auf dem Reitschulareal folgende Effekte gezeitigt:

1. Subkulturelle Prozesse finden weiterhin statt. Die Gegenkultur dient so gesehen als subkultureller Durchlauferhitzer.

2. Identität und Botschaft der Reitschulkultur sind doppeldeutig. Zum einen ist die Reitschule ein selbstverwalteter städtischer Kulturraum geworden, zum anderen ein Asterix-Dörfchen, in dem das Pathos: «Wir gegen den Rest der Welt» vorherrscht.

3. Mit der Zeitschrift megafon, dem Radio RaBe und Flugblättern von Fall zu Fall hat sich die gegenöffentliche Kommunikation der Reitschule in der Berner Medienszene installiert.

4. Die Organisationsstruktur hat sich von den Brüllaffen-Vollversammlungen zu einem arbeitsteiligen und moderat hierarchisierten Alternativmanagement gewandelt.

5. Die ökonomische Struktur der Institution hat sich von der «Eigentum ist Diebstahl»-Rhetorik gewandelt zu Bereichen, die Geld verdienen, mit dem bescheidene Löhne bezahlt und andere Bereiche quersubventioniert werden.

[1] Die Kunst, den Aufbruch zu verteidigen, in: Hansdampf [Hrsg.]: Reithalle Bern. Autonomie und Kultur im Zentrum. Zürich (Rotpunktverlag), 1998, S. 18-25.

[2] Zur Geschichte von «Megaphon» resp. seit Nummer 122 im Januar 1992 «megafon» vgl. den Schwerpunkt in: megafon Nr. 192, Oktober 1997.

[3] Johannes Wartenweiler: Jahre, die die Stadt veränderten, in: WoZ Nr. 47/1997.

[4] Megaphon Nr. 2, Dezember 1987.

[5] Megaphon Nr. 7, 15.1.1988.

[6] Megaphon Nr. 8., 22.1.1988.

[7] AGGGGA-HUA (Arbeitsgruppe gegen generalisierte Gratisarbeit – hier und anderswo): Zum «Stutz». Flugblatt undatiert (Dezember 1987).

(1998; 18.12.2017; 13.07.2018)