Die fünf Bestimmungen von Subkultur

Es gibt zwei verschiedene Wege, sich der Bedeutung des Begriffs «Subkultur» anzunähern: Entweder man zimmert entlang der ausfransenden Ränder beobachtbarer Phänomene eine Definition oder man legt zuerst einen idealtypischen Begriff fest und misst daran den subkulturellen Gehalt der beobachteten Phänomene.

Wende ich das zweite Verfahren an, so sage ich im Moment:

Unter Subkultur verstehe ich heute einen Prozess, der überall dort entsteht, wo sich Menschen unter Einsatz ihrer ökonomischen Möglichkeiten ohne formelle Organisationsstrukturen zusammentun, um sich mit verschiedensten Kommunikationsformen und über verschiedenste Kanäle mit öffentlichem Anspruch Gehör zu verschaffen für die ideellen Werte, die sie für unbedingt emanzipativ halten.

1. Der Aggregatszustand von Subkultur ist die Bewegung. Subkultur ist Prozess, nicht Produkt.

2. Die ökonomische Basis von Subkultur ist die Unvernunft gegenüber dem Kapitalismus: Das Geld stellt sich in den Dienst der Sache, nicht umgekehrt.

3. Die subkulturelle Organisationsstruktur ist informell und deshalb instabil. Nicht nur ihr Zerfall, auch ihre Verfestigung ist das Ende der entsprechenden Subkultur.

4. Die Kommunikationsstrategie von Subkultur hat eine untrügliche Doppeleigenschaft: Sie ist öffentlich und dissident zugleich.

5. Subkultur hat einen ideellen Anspruch – und wäre es der Versuch von dessen Negation.

Kein konkretes Phänomen entspricht einer solchen Definition von Subkultur restlos. Um ein Phänomen zu würdigen, muss es unter jedem der fünf Faktoren gewürdigt werden. Das Ergebnis sind graduelle Entsprechungen. Es gibt keine reine Subkultur, aber es gibt andererseits auch kaum Kultur ohne subkulturelle Anteile. Es gibt Phänomene, die noch nicht Subkultur und solche, die nicht mehr Subkultur sind – noch nicht, weil sie zum Beispiel noch vollständig im Privaten ablaufen; nicht mehr, weil zum Beispiel die Administration professionalisiert wird etc. Der Witz einer solchen Definitionsmethode: Sie kann an der Snowboardszene so gut wie an einer Basler Fasnachtsclique, an Blochers AUNS so gut wie an der Roten Fabrik in Zürich erprobt werden. Sie erlaubt, auch in postmodern unübersichtlichen Zeiten relativ präzis über Subkultur zu sprechen.[1]

[1] aus: «Subkultur: Fünf Faktoren und neun Thesen», Fabrikzeitung Nr. 133/1997.

(23.04.1997; 14.12.2017)

 

Nachtrag 1

Ein Jahr später habe ich die fünf Bestimmungen der Subkultur in einem anderen Text erneut zur Diskussion gestellt.[1] Diesmal lauteten sie:

«1. Prozess. Der Aggregatszustand von Subkultur ist ‘flüssig’, nicht ‘fest’; ist Bewegung, nicht Materie; ist Prozess, nicht Produkt.

2. Identität und Botschaft. Subkultur hat einen ideellen Anspruch. Gegen die herrschenden Werte setzt sie ihre Werte; gegen die herrschenden Normen ihre Normen. Die selbst mitbestimmten Werte und Normen prägen die Identität ihrer Mitglieder. Subkultur ist die Praxis der bewussten Nichtintegration in die Gesamtgesellschaft und ermöglicht ihren Mitgliedern eine nicht-gesamtgesellschaftliche Gegenintegration.

3. Gegenöffentlichkeit. Subkultur hat den Anspruch, sich und ihre Weltsicht in der Gesamtgesellschaft zur Diskussion zu stellen. Weil sie dissidente Inhalte öffentlich machen will, erfindet sie eigene Medien.

4. Organisation. Die subkulturelle Selbstorganisation ist informell dominiert und deshalb instabil. Nicht nur ihr Zerfall, auch ihre formelle Verfestigung beendet tendenziell den subkulturellen Prozess. Defensive Subkultur manifestiert sich als ‘Kreis’, offensive als ‘Bewegung’.

5. Ökonomie. Die ökonomische Basis von Subkultur ist reine kapitalistische Unvernunft: Das vorhandene Geld stellt sich in den Dienst für ein besseres Leben, nicht das schlechte Leben in den Dienst des Geldvermehrens.»

[1] «Die Kunst, den Aufbruch zu verteidigen», in: Hansdampf [Hrsg.]: Reithalle Bern. Autonomie und Kultur im Zentrum. Zürich (Rotpunktverlag) 1998, S. 18-25.

(14.12.2017)

 

Nachtrag 2

2001 schliesslich schrieb ich einen Aufsatz, indem ich die fünf Bestimmungen in Fragen umformulierte[1]:

«Im konkreten Einzelfall sind Subkulturen mikrosoziale Netze, deren ‘Subkulturhaltigkeit’ sich aus den Antworten auf folgende Fragen ergibt:

• Erschliesst sich der sinnhafte Antrieb der Struktur vorab aus künstlerischen Produkten oder aus ihrem Entwicklungsprozess?

• Ergibt sich die Identität der Leute aus mitbestimmten Normen und Werten oder werden herrschende übernommen?

• Wird über die bestehenden Medien mit der Öffentlichkeit oder über selber aufgebaute mit einer Gegenöffentlichkeit kommuniziert?

• Ist die Selbststrukturierung formell oder informell, stabil oder instabil, spontan oder gesteuert?

• Welche Rolle spielt das im konkreten Netz verwendete Geld?

Die jeweilige ‘Subkulturhaltigkeit’ ergibt sich aus der Distanz zur dominierenden Kultur, die sich idealtypischerweise primär aus ihren Produkten erschliesst; herrschende Werte und Normen transportiert und über die grossen Medien kommuniziert, formell organisiert und stabil institutionalisiert ist und mit dem Geld ein Budget bestreitet, nicht den Aufbruch in eine andere Welt.»

[1] «Die Kultur der Autonomie. Und danach?»; Rote Revue Nr. 2/2001.

(14.12.2017)