«Subkultur»-Indizien bei Foucault und Schwendter

 

1.

In einer Schwulen-Zeitung von Los Angeles, «The Advocate», hat Michel Foucault um 1980 in einem Interview über die sadomasochistische Subkultur folgendes gesagt: «Die Praxis der SM ist die Hervorbringung von Lust, und die SM ist wirklich eine Subkultur. Sie ist ein Erfindungsprozess, sie benutzt eine strategische Beziehung als Quelle physischer Lust.»[1]

Was auch hier zusammengehört, sind die Begriffe «Subkultur» und «Prozess».

[1] Didier Eribon: Michel Foucault. Eine Biographie. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1993, S. 456.

(14.7.1997; 14.12.2017)

2.

Notizen zu: Rolf Schwendter: Theorie der Subkultur. Hamburg (EVA) 1993/4 [1973]:

• Was mich interessiert, ist nicht eine wissenschaftlich-soziologische Fassung des Begriffs «Subkultur», nicht der Versuch, den «Kultur»-Begriff sozusagen mit Subkultur zu unterfuttern (S. 10f.). Mich interessiert das politisch-strategische Innenleben des Begriffs. Was muss gegeben sein und welche Mechanismen müssen in Gang kommen, damit sich Subkultur zu manifestieren beginnt. Mich interessiert, den Begriff in diesem Sinn zu operationalisieren.

• Subkultur als «Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in ihren Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmass von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet.» (S. 11)

• Nach Schwendters Beispielen – «Subkultur» fasse zum Beispiel Phänomene wie Urchristen, Vaganten, Zigeuner, Ghettojuden, Sekten, Freimaurer, die Bohème, Teile der Arbeiterbewegung, ja sogar Kriminelle, Alkoholiker, Fürsorgezöglinge, Prostituierte etc. (12f.) – müsste er «Subkulturen an sich», die durch soziale Segregation erzwungen werden, von «Subkulturen für sich» unterscheiden, die durch eine kulturpolitische Praxis angestrebt werden. So gesehen interessieren mich vor allem «Subkulturen für sich». Es genügt nicht, Sektenmitglied oder Alkoholiker zu sein, um als subkulturellen Aktivisten zu gelten. Am Anfang steht der bewusste Entscheid, in einen subkulturellen Prozess einsteigen zu wollen. Richtig ist allerdings, dass sich solche Prozesse auch unter Sektenmitgliedern oder AlkoholikerInnen entwickeln können. Schwendter zitiert Peter Schütt, der zwischen «emanzipatorischen und nicht emanzipatorischen Subkulturen» unterscheidet (S. 15). Damit könnte diese Differenzierung gemeint sein.

• Subkultur als «Kultur der beherrschten Klassen». (S. 14)

• «Eine inhaltlich bestimmte Opposition [ist] ex definitionem Subkultur.» (16)

• Erich Fried: Es gebe ein soziales Minderwertigkeitsgefühl, «das nur durch Klassenbewusstsein, durch Schaffung eines Freundeskreises, in dem die herrschenden Werte nicht mehr gelten und schliesslich durch Kampf und Umsturz der entmenschenden und verkrüppelnden Klassengesellschaft endgültig zu überwinden wäre». Der «organisierte politische Kampf» (S. 19) ist für mich bloss eine Kann-Bestimmung von Subkultur. Frieds Hinweise auf den (Freundes-)Kreis und auf das Vorhandensein dissidenter Werte sind dagegen zentral. Aus letzterem folgt die Forderung «nach eigenen Kommunikationsmitteln und Gegenöffentlichkeit». (17f.)

• Subkultur als «neue Kultur innerhalb der bestehenden und offiziell anerkannten». (Helmut Kentler, S. 31)

• Schwendter zitiert Sergius Golowins lakonische Kritik an der Idee «progressiver» Subkulturen, wonach «eine jede von 50 Subkulturen sich für progressiv und die anderen 49 für regressiv» halte (S. 37). Golowin glaubt also nicht an soziologisch objektivierbare Kriterien, sondern an psychologische. Negativ: an den Chauvinismus des Dazugehörens, positiv: an kulturelle Identität.

• Zur Objektivierung des Begriffs «progressiv»: Hierzu nötig ist der Begriff des «gesellschaftlichen Fortschritts», der aber nach Marcuse «kein neutraler Begriff» ist, weil er sich immer «auf bestimmte Ziele» zubewegt. Unbestritten: Fortschritt ist immer auch der Leistungsausweis der Handelnden aus der Perspektive der Herrschenden.

• Walter Hollstein: «Hippisierung des Marxismus» (S. 39): Dies wäre in Bern das Zusammengehen von Golowins Junkere-Subkultur und jener der universitären Neomarxisten gewesen. Den zwei Richtungen entspricht das «rationalistische» (Uni) resp. das «emotionelle» (Junkere) «Syndrom» von Subkulturen (S. 40). Ersteres stelle letzteres unter «permanenten Integrationsverdacht». (S. 44) (Die rationalistische Fraktion war allerdings später im Sinn von Rudi Dutschkes Ideologem des langen Marsches durch die Institutionen einfacher ins System-wie-es-war zu integrieren als die emotionelle, deren systemsprengende Bewusstseinserweiterungsversuche sich allzuoft als Drogensucht verfestigten).

• Die Schätzung von Franco Basaglia und Franca Basaglia-Ongaro (S. 378), dass «65 Prozent der Gesamtbevölkerung der ‘nachindustriellen’ Gesellschaft als alt, krank, arbeitsunfähig, arbeitslos oder Kind ausgegrenzt» würden, ist heute aktueller als 1972, als die beiden dies feststellten.

Die Logik des Neoliberalismus forciert die Segregation der Subkulturen «an sich». Richtig ist, dass der ökonomische Komplex gemessen an der Gesamtbevölkerung immer weniger Arbeitskräfte braucht und dass er in dem Mass, in dem der Bedarf kleiner wird, an Macht gewinnt: Einen immer grösseren Teil der Bevölkerung externalisiert er als «Überflüssige».

Richtig ist aber auch, dass damit das Feld für die «Subkulturalisierung» der Gesamtgsellschaft wächst. Je grösser dieses Feld wird, desto grösser wird aus emanzipativer Sicht die politische Notwendigkeit, diese Subkulturalisierung aktiv zu unterstützen. Nicht nur die (gewerkschaftlichen) Rückzugsgefechte innerhalb des ökonomischen Komplexes sind nötig, sondern auch die Einbindung der von diesem Komplex Ausgegrenzten in subkulturelle Prozesse.

Es geht also darum, die Abweichung von den funktionalen sozialen Rollen so umfassend zu machen, dass sie sich, nach Basaglia und Basaglia-Ongaro, durch «das paradoxe Ausmass einer umfassenden Abweichung […] selbst aufhebt» (S. 379). Denn: «Die Tendenz des Kapitals, zu totalisieren, enthält auch eine Totalisierung […] seine[s] Widerspruch[s].»

Das ist heute die Hoffnung subkulturellen Engagements.

(ab 4.12.1997; 18.6.2006; 14.12.2017; 12.07.2018)