Starre und geschmeidige Identitäten

Rückfahrt nach Bern im Intercity-Zug nach einem Tag auf der WoZ-Redaktion in Zürich; mit Kollege jw Gespräch über Subkultur. Er schlägt vor, den Unterschied zwischen (bürgerlicher) Hochkultur und Subkultur am Begriff «Identität» festzumachen. Er unterscheidet (mit Verweis auf Foucault) eine «starre», bürgerliche Identität von einer «geschmeidigen», soziologisch gesehen «sub-bürgerlichen». Während erstere eine konsistente Biografie erfordere, in der das Spätere aus dem Früheren als vernünftiges Fortschreiten ableitbar sei und deshalb im Rückblick als «Karriere» erscheine, habe letztere diesen Anspruch nicht. «Sub-bürgerliche» Identität lasse Brüche und Neuanfänge zu: Was man ist, ist man nicht für immer; Identitäten können ausgewechselt werden. Ob diese Brüche eine neue Freiheit des Subjekts – wie wir es in unserem Gespräch angenommen haben – oder Folge von gesellschaftlichen Zwängen sind, die entstehende Identitäten immer wieder zerstören, müsste untersucht werden.

Der Übergang von der neuen Linken der siebziger Jahre zur Jugendbewegung der achtziger Jahre interpretiert jw auch als Übergang von starreren zu geschmeidigeren Identitäten. Der Gestus des Politisierens war bis in die siebziger Jahren in der Tat noch weitgehend der nonkonformistische: Ein in der Öffentlichkeit klar abgrenzbares, namentlich auftretendes Subjekt hat idealistisch sein Prestige (das «soziale Kapital» nach Bourdieu) in die Waagschale geworfen, um pathetisch seinen Widerspruch zu bezeugen. Vor dem ideologischen Sperrfeuer der herrschenden Meinung (der Meinung der Herrschenden) sind diese Einzelkämpfer (weitestgehend Männer) so sicher gefallen wie die Infanteristen, die im Ersten Weltkrieg aus den Schützengräben vor die feindlichen Maschinengewehre gerannt sind. Aber immerhin: Viel Feind’, viel Ehr’.

Die achtziger Bewegungen in den verschiedenen Städten und alle seither in ihrer Tradition stehenden Subkulturen sind anders: Die Identität der widersprechenden Subjekte diffundiert. Bei ihren Aktionen bleiben die Leute von der Polizei häufig unidentifiziert. Bei den öffentlichen Äusserungen bleiben sie anonym; sie verweigern das Gespräch, wo es objektiv sinnlos ist (wo realpolitischer Zynismus herrschaftsfreien Diskurs nur simuliert) – oder sie führen es «müllernd» ad absurdum. Darum ist die legendäre Fernsehdiskussion vom 14. Juli 1980 mit dem «Ehepaar Müller» eine der authentischsten kulturpolitischen Leistungen jener Jugendbewegung.

Die bürgerliche Politik hat damals hinter der Gesprächsverweigerung eine Strategie von Drahtziehern gewittert und als Vorbedingung für alle Verhandlungen (die sie keinen Moment lang ernst meinte) namentlich bekannte und verantwortliche GesprächspartnerInnen gefordert. Die diffundierende, geschmeidige Identität der Jugendlichen hat damals das ad personam vorgehende Rechtssystem vor einige Probleme gestellt.

Diese auf dem Feld der Politik neuartige Identität ist mehr und anderes gewesen als eine halbklandestine politische Strategie, um der drohenden Kriminalisierung zu entgehen: Sie ist – in der Perspektive von jw – als Verweigerung der bürgerlich konstituierten Identität auf dem politischen Feld eine kulturelle Errungenschaft.

Geschmeidige Identitäten scheinen die Subjekte auch längerfristig immun (respektive unfähig) zu machen, später in irgendeiner Rolle in das politische System der starren Identitäten zurückzukehren: Ich kenne nur wenige Exponenten und Exponentinnen der Subkultur in der Tradition von «1980», die später einen ernsthaften Versuch unternommen haben, als MandatsträgerInnen im weitgehend simulativen Universum der Realpolitik Unterschlupf zu finden. Geschmeidige Identität scheint nachhaltig zu heilen von der persönlichkeitsnegierenden Selbstinszenierung der starren Identität, die für das öffentliche Handeln als Charaktermaske längerfristig unabdingbar ist. Seit «1980» ist die Subkultur der geschmeidigen Identitäten mit der bürgerlichen Demokratie – als dem System, das die Menschen zur «Falschheit» zwingt, bevor sie zum ersten Mal das «Richtige» öffentlich vertreten dürfen – unversöhnt geblieben.

(15./21.4.1996; 08.+13.12.2017; 12.07.2018)

 

Nachtrag 1

In dieser Ausschliesslichkeit stimmt das nicht: Ich war eine Randfigur der 1980er-Bewegung und kannte relativ wenige Leute. Im übrigen haben sich Achtziger auch arrangiert: uf, mit dem ich nicht nur viele Jahre lang WoZ, sondern zuvor in der Pressegruppe der Berner Jugendbewegung auch «Drahtzieher» gemacht habe, sitzt heute für das Grüne Bündnis im Berner Stadtparlament – und als stellvertretender Sportchef auf der Redaktion jener Tageszeitung «Blick», die damals die Frau, die im Fernsehen die Frau Müller gespielt hatte, mit einer tagelangen Kampagne persönlichkeitsverletzend verfolgte. Das ist keine Kritik an uf, sondern eine an meinem Flair für apodiktische Formulierungen.

(12.12.2005; 6.9.2006)

 

Nachtrag 2

Beizufügen ist hier noch, dass uf seither, nämlich 2010, als Stadtratspräsident ein Jahr lang formell als «höchster Berner» geamtet hat und dass jw seit 2014 für die Sozialdemokratische Partei im Stadtparlament sitzt.

Vermutlich müsste ich die These im letzten Abschnitt des Werkstücks geradewegs vom Kopf auf die Füsse stellen. Eine geschmeidige Identität haben jene, die sich irgend einmal soweit arrangieren, dass sie im Sinn der eigenen politischen Interessen überhaupt etwas bewirken können. Wer dagegen mit einer starren Identität unterwegs ist, wird sich jederzeit selber im Weg stehen, wenn eine Praxisanwendung der eigenen Überzeugungen droht. Ob das in der bürgerlichen Welt anders ist als in der «sub-bürgerlichen», «müsste untersucht werden», um meinen Vorredner zu zitieren.

(08.12.2017)

 

Nachtrag 3

Nachdem ich jw per Mail auf dieses Werkstück hingewiesen hatte, mailte er am 14. Dezember 2017 zurück: «Lang ist’s her, und wir Menschen sind nicht so fest gefügt, wie es der Begriff des Individuums vermuten lässt. Wir sind buchstäblich im Fluss und da schwemmt es uns auch an unbekannte Ufer – zum Beispiel in den Stadtrat. Herzlich, jw.»

(18.12.2017)