Honig aus Jekaterinenburg

«Früher, sind die Eltern überzeugt, war die Kultur ‘reicher’. Heute aber wird die amerikanische ‘Pseudo-Kultur’ die Jugend verderben.» Das hat Wilhelm Schmid laut seinem Reisebericht aus Jekaterinenburg in einer Familie sagen gehört.[1]

Fast möchte man eifersüchtig werden, dass hinter dem Ural heute ein kulturkritisches Argument ausgesprochen wird, das man hierzulande irgendwann in den siebziger Jahren zu vergessen begann. Hier hat sich seither die amerikanische «Pseudo-Kultur» so weit durchgesetzt, dass ihre Kritik undenkbar geworden ist.

Ist es möglich, Bienen soweit mit Zuckerwasser einzudecken, dass sie vergessen, was Honig ist?

[1] «ZeitSchrift», Nr. 6/1995, S. 418.

(22.12.1995; 13.12.2017)

 

Nachtrag 1

Aber selbstverständlich! Dieses Vergessen ist ja nichts anderes als das Resultat der Gehirnwäsche, die man mit einem ebenfalls in den siebziger Jahren allmählich vergessenen kulturkritischen Begriff als «Kulturimperialismus» bezeichnet hat.

(24.10.2005)

 

Nachtrag 2

Klarstellen muss ich: Kritik an der «amerikanischen ‘Pseudo-Kultur’» war hier als Konsumentengegrummel jederzeit möglich. Einzig für JournalistInnen grosser Medien war es gescheiter, wenn sie schwiegen. Denn Mainstreamkultur war gut fürs Werbegeschäft und wünschte ein positives redaktionelles Umfeld. Daneben meint das «Undenkbar» im Werkstück ein Nicht-mehr-denken-Können im wörtlichen Sinn: Konfrontiert mit der ungeheuren Warensammlung des kulturindustriellen Outputs wird es für die isolierten Konsumjunkies ja tatsächlich immer schwieriger, sich neben ihrem stressenden Konsumismus, den sie für Kulturbeflissenheit halten, eine «reichere» Kultur denken zu können.

(13.12.2017; 12.07.2018)