Editorial zum Mäander 17

1989, zur Zeit der Produktion des «Konvoluts» (siehe auch Mäander 5: Wirkungen eines Nichtbuches), habe ich mir – vorausgesetzt ich würde so lange zu leben haben – vorgenommen, dreimal die entstehenden lyrischen Arbeiten zu abgeschlossenen Zyklen zusammenzustellen: mit 35, mit 50 und mit 65, also 1989, 2004 und 2019. Ein lyrischer Fünfzehnjahresplan, sozusagen.

Diesem Vorsatz gemäss entschloss ich mich 2004 zu einem unbezahlten Urlaub, um das gesamte seit 1989 entstandene Material durchzuarbeiten und soweit brauchbar zu einer Veröffentlichung zusammenzustellen. Weil ich mich im Lauf der 1990er Jahre zunehmend bemüht hatte, so etwas wie ein Literaturrealo zu werden, plante ich von vornherein kein neues Konvolut, sondern bot das Projekt dem Rotpunktverlag an, der sich entschloss, das Defizitgeschäft eines Lyrikbuches auf sich zu nehmen. Während des dreimonatigen Urlaubs baute ich ab Juli 2004 in Costa ob Intragna den Band «Echsenland» zusammen und schliff die ausgewählten Texte, so gut ich es vermochte.

Erschienen ist das Buch im Mai 2005. Die öffentlich wahrnehmbare Rezeption, die es auslöste, ist schnell skizziert: einige mittelgrosse, ganz wohlwollende Rezensionen (v. a. WOZ, Bund und NZZ) und eine einzige Lesung (in Baden) im Rahmen eines kaum besuchten Anlasses, an dem es nicht eigentlich um Lyrik, sondern darum ging, dass sich der Rotpunktverlag mit Beispielen aus der aktuellen Produktion vorstellen konnte. Verkauft wurden 2005 weniger als 200 Exemplare, 2006 lag der Verkauf laut Verlagsabrechnung dann bei 0. Später wurde der Rest der Auflage eingestampft (siehe auch hier).

Dieser Mäander dokumentiert einige der langen, krummen, nicht selten im Kreise führenden Pfade, die ich auf dem Weg vom Konvolut ins Echsenland gegangen bin.

(vor 02.01.2009; 19.+26.03., 3.+12.4.2018)

 

Nachtrag

Meinem lyrischen Fünfzehnjahresplan bin ich treugeblieben und schaue in dieser Hinsicht dem Jahr 2019 gelassen entgegen. Nach der vulgärmarxistisch-dadaistischen Nicht-Buch-Starrköpfigkeit des Konvolut-Fundis und dem Vielleicht-öffnet-sich-dem-Dichter-ja-noch-ein-Türchen-Opportunismus des Echsenland-Realos habe ich im April 2013 damit begonnen, in meiner elektronischen Textwerkstatt Monatsgedichte zu veröffentlichen. Die so entstehende Sammlung nenne ich der Einfachheit halber «Gedichte 3». Nach fünf Jahren sind sechzig Texte zusammengekommen. Was noch in den Schubladen liegt, reicht übers Jahr 2019 hinaus. Damit werde ich den Fünfzehnjahresplan abgearbeitet haben. Vorbehalten bleiben danach lediglich noch lyrische Parerga und Paralipomena, wie Schopenhauer seine philosophischen «nachgesandten Nebenarbeiten» bezeichnet hat.

Die Vorstellung, dass die Lyrikabteilung in meiner Textwerkstatt schliesslich – nebst der Dokumentation der Fragment gebliebenen Sammlung «Roggwil. Alkäisch» – aus einem Nicht-Buch, einem Buch und einer online veröffentlichten Sammlung bestehen wird, gefällt mir. Sie spiegelt den Weg meines Bisschens Eigensinn in den letzten dreissig Jahren.

(19., 26.03.+03.04.2018)